(…)Es war auf einer Party zum Ende der Dreharbeiten des Films „Der Geschichtenerzähler“, als ich feststellte, dass es genügt, gedankenverloren die Naht meines schwarzen Strumpfes gerade zu schieben, um Tischgespräche wichtiger Art (Arbeitsbedingungen, Filmfinanzierungen u.Ä.) zum Erlahmen zu bringen.
„Das ist nicht fair“, sagte Kollege Peter Sattmann, „Frauen brauchen nur solche Kleinigkeiten zu tun, und schon lenken sie die gesamte Aufmerksamkeit auf sich.“
Mag sein, dass er Recht hat; wahrscheinlich aber entsteht die Aufmerksamkeit nur dann, wenn das Gedankenverlorene vorangeht.
Die „sezierte“ Weiblichkeit einzusetzen, lernen Frauen normaler Weise spätestens mit 16 auf dem Schulhof. Das Schulhofwissen geht mir ab, dafür weiß ich aber eine Menge über Bioelektrizität, so bin ich denn oft privat „gedankenverloren“.
Nach 37 Jahren Arbeit als Schauspielerin war „Der Geschichtenerzähler“ der erste Film, in dem ich jede Sekunde spannend fand.
Die Frauenfigur: zerbrechlich, doch stark. Ein Mensch, keine Schablone. In ihr konnte ich meine Lebenserfahrungen einbringen.
Nicht zuletzt verdanke ich dies der Tatsache, dass der Regisseur Rainer Boldt ein Mann ist, der die weibliche Emanzipation auch für sich verwenden konnte. Er mag Frauen und hat keine Angst vor ihnen.
Obwohl ich schon früher öfter in Berlin war, fühlte ich mich zum ersten Mal integriert in diese Stadt. Wie ging das Lied nochmal? „Du bist verrückt mein Kind, du musst nach Berlin, wo die Verrückten sind, da gehörst du hin…“
Die Zusammengehörigkeit mit dem Team ließ mich Geborgenheit empfinden, und außerdem hatte ich mich für einen Tag heftig verliebt.
Von dem Fest kam ich um 11 Uhr vormittags nach Hause; das heißt, in das Hotel Steigenberger. Dort erwartete mich ein Bündel von Nachrichten. Eine davon war der fast vergessene Fototermin mit Mathieu Carrière für „Harper’s Bazaar“.
Geduscht und fast ungeschminkt trippelte ich im „kleinen Schwarzen“ – mein Zylinder, der schon fast auf meinem Kopf angewachsen ist – in Mathieus Suite, wo sich das Fernsehteam bereits versammelt hatte.
Wilfried, den ich in Hamburg fast mit den Rad überfahren hatte, war auch da: ein schöner deutscher Mann mit Lippen wie Rosenblätter.
Mathieu war wie immer geistreich, gut aussehend, amüsiert und ernsthaft bei der Arbeit. Seit ich ihn vor zehn Jahren kennen gelernt hatte, waren wir in ein anhaltendes Gespräch über „das Leben an sich“ verwickelt. Das Gespräch hat oft ein Jahr Pause und wird dann in Paris, New York oder München fortgeführt; manchmal bügelt er, manchmal ich, manchmal spricht er mit meinen Töchtern, manchmal ich mit seiner Frau.
Affinitäten sind nicht an Ort oder Zeit gebunden. Er ist für mich ein Bruder. Die beste Position, die Männer in meinem Leben haben können.
Wir haben uns während des Berlinaufenthalts immer kleine Zettel in den Türschlitz gesteckt. Sein letzer damals lautete: „Du bist immer noch die attraktivste Frau, mit der ich nicht geschlafen habe.“
Ich blieb bis die Fotos entwickelt waren (Polaroid macht’s möglich), schon etwas auf heißen Kohlen, weil die Kostümbildnerin für den nächsten Film in meinem Zimmer auf mich wartete.
Im Wegeilen bemerkte ich Fotograf herzschmelzend aussah. Mmmmh… noch, dass der englische
Am Abend hatte ich noch eine Vorstellung am Theater in der Josefstadt in Wien.
Der Abflug verspätete sich. Im Abteil erster Klasse saßen die Passagiere in wohl situierter Distanz. Mein Ticket wurde von der Produktion bezahlt.
Auf der Raucherseite zu meiner Rechten saß ein Mann mit einem äußerst interessanten Gesicht. Nicht nur das Gesicht, die ganze Person war wie aus Stein gemeißelt. Ein älterer Mann, in dem sich zeigt, dass das Alter die Menschen immer entweder hässlich oder interessant werden lässt. Er war letzteres und machte mich neugierig.
Bar jeder erotischen Intention fragte ich ihn, wer er sei. „Ich kenne Ihr Gesicht.“
„Ich Ihres auch.“
Wir tauschten die Namen zu den Gesichtern aus. Entdeckten gemeinsam Bekannte. Wir waren beide gleich exaltiert, er trinkend, ich nüchtern.
Dennoch meinte er: „Sie sind ziemlich verrückt.“
Ich entschied mich, ihm nicht meinen kleinen Vortrag darüber zu halten, wie ich mich durch meine kleinen Verrücktheiten vor den großen geschützt habe.
Immerhin bin ich weder Rauschgift noch sonst etwas verfallen.
Vor allem nicht der Schauspielerkrankheit: Nichts mehr erleben können vor lauter Sorge, wie das, was man tut, nach außen wirkt.
Wie in dem Schauspieler Witz: „Ich hab dich gestern in der Straßenbahn gesehen!“ – „Wie war ich?“ (…)
Ich frage mich höchstens, wie es für mich war.

