Auszug aus Christine Kaufmann “Liebesgefecht – erotische Geschichten”

Hammam

(…)Die Fähigkeit alleine weite Reisen zu meistern, hatte sich Marie in mühsamer Kleinarbeit erkämpft. Es war kein Kampf gegen ein strenges Elternhaus, gesellschaftliche Konventionen oder einen Ehemann. Es war ein Kampf gegen ihre eigene Schüchternheit, gegen ein Minderwertigkeitsgefühl, das ihr im innersten suggerierte, sie sei eigentlich unfähig. Schlicht unfähig.
Dieses Fundament aus Angst und Schüchternheit sah man ihr nicht an. Sie war eine adrette, hübsche Erscheinung. Mit ihren kurzen, rotbraunen Locken, den Grübchen um den Mund, der, wenn er rot bemalt war, wie ein Röschen aussah, trat sie mit einer frischen Zielstrebigkeit auf. Darin lag sicherlich der Grund für ihren beruflichen Erfolg. Ein Beruf, den sie nicht liebte, der jedoch ausgesprochen glamouröse Seiten hatte.  Sie war Journalistin mit dem Spezialgebiet „Exotische Küche“. Bei ihren Luxusreisen hatte sie sich zwar schon mal einen Parasiten als unliebsames Reisemitbringsel eingefangen, doch die angenehmen Aspekte Ihrer Abenteuerreisen waren es wert, ein paar Risiken einzugehen.
Trotz ihrer Attraktivität wurde sie nie belästigt. Sie hatte sich eine derartig schicke Kostümierung zusammengestellt, dass sie, ohne dabei exzentrisch zu wirken, in dieser „westlichen Verschleierung“ auch noch dort hingehen konnte, wo es selbst einem „Marlboro-Mann“ mulmig geworden wäre.
Ein kleiner Glockenhut mit Krempe verdeckte ein Drittel des Gesichtes. Ihre blauen Augen, die mit ihrer neugierigen Art Missverständnisse auslösen konnten, waren stets hinter einer ovalen, halb verspiegelten Sonnenbrille verborgen. Sommer wie Winter trug sie einen Trenchcoat, je nach Jahreszeit aus leichtem oder schwerem Material. Nie auch nur eine Spur von Make-up, keine Signale, ganz pur.

Dieses Mal fuhr sie nach Fez. Marie war sehr gespannt und nach der langen Autofahrt von Tanger hierher schienen ihr Gegend und Stadtmauern wie die offenen Arme einer anderen Welt.
Die orientalische Nacht senkt sich schnell. Marie bekam nur einen kurzen Eindruck, bevor sie im Hotel eintraf. Dieses war, wie es ihr Münchener Reisebüro beschrieben hatte, ein Gebäude wie aus Tausendundeiner Nacht. Von ihrem Balkon aus, auf dem sie in einen flauschigen Bademantel gehüllt wenig später saß, verstärkte sich der Eindruck, in einer vollkommen anderen Welt zu sein.
Sie sah auf eine gekachelte Terrasse mit einem großen Schwimmbecken, dessen Wasseroberfläche sich mit unheimlicher Lebendigkeit im Mondlicht bewegte. Begrenzt wurde sie auf der rechten Seite von großen schlanken Säulen, an denen sich Rosen emporrankten. Dahinter sah man einen Teil der Stadt, weiße eckige Häuschen. Nur aus wenigen Fenstern leuchtete ein goldenes Licht, darüber spannte sich ein unendlich schwarzblauer Himmel.
Aus irgendeinem Grund macht ihr diese Schönheit Angst. Ein seltener Zustand für Marie; plötzlich wünschte sie sich, zuhause zu sein, eine Mutter zuhaben, die sie schützt und ihr eine Schale warmen Grießbrei mit Zimt bringt. Solchen Sehnsüchten begegnete sie mit einem Ritual: Sie zog ihren Lieblingspyjama an, aus rosa Satin und viel zu groß, und nahm sich einen Liebesroman mit ins Bett. Das half ihr ohne störende Gedanken einzuschlafen.
Gegen fünf Uhr morgens erwachte sie von einem ohrenbetäubenden Lärm. Ihr Herz klopfte bis an die Schädeldecke. Als sie etwas zu sich kam konnte sie das Gebrüll identifizieren. Es mussten an die zwanzig Schreier mit Megaphon sein. Sie machte das Licht an und ging auf den Balkon. Der Blick war ebenso märchenhaft, wie am Abend zuvor, aber der Ton zerschnitt die Schönheit wie mit einer Kreissäge. Die Megaphone hatten aus dem weichen religiösen Gesängen ein Höllenspektakel gemacht. Als es endlich vorbei war, las sie wieder in ihrem Buch und schlief ein.
Am Morgen war alles freundlich. Sie rügte sich für ihre kindische Art und machte sich einen Tagesplan. (…)

Wie es weiter geht können Sie von Christine Kaufmann gelesen auf der „Hammam CD“ hören.

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