Auszug aus Christine Kaufmann “Frauenblicke”

Erwachsen
Sie sind sehr lustig, diese Reaktionen auf das Wort „erwachsen“, fast als hätte man etwas Unanständiges gefragt. Gar nicht so standfest und erdig wie Kinder, wenn sie sagen „Ich bin schon groß“. Bei „Großen“ zeigt sich eine Skala an Besorgnissen. (Mein Gott, ist es schon so weit, man sieht es mir an!?) Gelegentlich wird tief eingeatmet, und der Körper spricht wortlos: „Na und!“ Sehr oft aber kommt ein neckisches „Ja, ja, man ist erwachsen, aber irgendwo bin ich noch immer ein Lausbub, gell”. Die Angst, kein Recht auf Kindlichkeit zu haben, dokumentiert sich bei Frauen etwas anders. Sie kämpfen eigentlich ihr Leben lang in zwei Richtungen. Um jede Form der Akzeptanz als mündiges Wesen und gleichzeitig darum, doch möglichst immer irgendwo oder irgendwann die schwächere Hälfte von irgendjemand zu sein.
Medizinisch gesehen bedeutet erwachsen sein, dass man ab jetzt nicht mehr wächst, sondern kleiner wird. Im Kopf laufen scheinbar so viele panische Gedanken ab, dass die wunderbaren Aspekte schier vernebelt scheinen. Vielleicht wäre es gut, das Wort „erwachsen“ durch „entwachsen“ zu ersetzten - den Ängsten entwachsen, dem Aberglauben entwachsen, dem Ausgeliefertsein entwachsen. Zugegebenermaßen reicht es nicht mehr, sich wild auf dem Boden zu rollen, um dieses und jenes zu bekommen, aber man wird auch nicht im Gitterbett allein gelassen, ohne eine Chance seinem Gefängnis zu entkommen. Die Angst überdeckt die Entwicklungsmöglichkeiten derart, dass pastellfarbene Babykleidung für Große im Trend ist. Erwachsen im besten Sinne heißt, Dinge nicht nur aus der eigenen Sicht zu fühlen. Die Erinnerung an gewesene Situationen verhilft zur Perspektive. Das erwachsene Gefühl lässt viele Winkel zu. Es kann sich frei entscheiden, weil es die anderen kennt.

Hässlich, aber dumm
„Sie ist hässlich, aber dumm.“ Na wie klingt das? Ziemlich ungewohnt? Wie vertraut hingegen tönt uns „schön, aber dumm“ in den Ohren.
Was hat das mit dem „aber“ auf sich. Dass, irgendwann, vor langer, langer Zeit wahrscheinlich schön und klug als untrennbar miteinander verbundene Eigenschaften galten. Irgendwann hat sich dann das schlimme Wort „aber“ dazwischen geschlichen. Denn anders lässt sich das „aber“ nicht verstehen.
Oder, vielleicht, war ein kluges Gesicht automatisch schön. Aber es wäre doch auch möglich, dass ein Mädchen schön ist, weil es dumm ist. Schön einfach zu „handhaben“. Die schöne ruhige Leere im Gesicht.
Oder ist es so, dass ein schönes Mädchen, wenn sein Intelligenzquotient (IQ) nicht die verblendete Schönheit durchbricht, nie über diese Barriere springen kann. In anderen Worten ausgedrückt, hätte Marilyn Monroe den Verstand von Theodor Adorno gehabt, wäre sie jetzt irgendwo Professorin oder Intellektuelle. Obwohl es gerade attraktive Frauen, die den Lehrberuf ausüben, schwerer haben, man denke nur an den Erfolg in Bologna. Da musste eine Professorin ihren Unterricht doch glatt hinter einem dicken Vorhang halten, denn man befürchtete, ihre Schönheit brächte die studierende Männlichkeit zur wilden Raserei.
Warum wird etwa das gleiche Maß nicht bei Männern angewandt?
Man nehme etwa den ehemaligen sowjetischen Außenminister Schewardnadse. Ein wirklich schöner Mann, selbstverständlich auch, weil er klug ist. Und sich bei Männern scheinbar Klugheit im Gesicht niederschlägt.
Keiner sagt, der ist schön „aber“ klug, weil in unserem Verständnis bei Männern ein kluges Gesicht automatisch gut aussieht. Wären Frauen auf dem Gebiet auch so entspannt, dann sind wir bald auf dem Gebiet gleichberechtigt.

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