Auszug aus Christine Kaufmann “Beauty Guide – Die Kunst der natürlichen Verjüngung”

Sanfte Verjüngung

(…) Sicherlich ist die Chirurgie heute, mit ihrer enormen Kunstfertigkeit, einschließlich Zahnheilkunde, Orthopädie und dem an ein Wunder grenzenden Gebiet der Sehkraftherstellung, eine der größten Errungenschaften der Menschheit. Von alters her hat man, vor allem auch im Orient, versucht, Menschen mit Operationen wieder herzustellen und ihnen damit ein neues Leben zu schenken. Ohne unsere medizinischen Künstler würde jeder ausgeschlagene Zahn, jedes gebrochene Bein und jede Nasenfraktur zur Entstellung oder Verkrüppelung führen. Wer je mit dem Zug durch Indien gereist ist – nicht als Pauschaltourist oder Goafreak -, der hat gesehen, wie eine Welt ohne ästhetische Chirurgie aussieht. Wer dieser Welt begegnet, muss, wie ich, Unverständnis und Ekel über all diejenigen Jugendlichen in der westlichen Welt empfinden, die aus Langeweile oder Geltungsdrang ihre Zunge in zwei Teile, wie die einer Schlange, aufspalten oder sonstige Körperteile mit Metallteilen verunzieren. Solche operativen Zwangshaltungen kommen jedoch nicht nur bei „Retropunks“ vor. In einem Artikel über plastische Chirurgie war in der respektablen britischen Zeitschrift Harpes & Queen zu lesen: „Gesellschaftliche Trends sind eine Art Infekt, die OP-Bakterie kann jeden erwischen.“
Tatsächlich ist, was die Verjüngungsmaßnahmen angeht, ein beängstigender Trend zu beobachten. Woraus sich der damit verbundene Wirklichkeitsverlust zusammensetzt, ist leicht zu entschlüsseln. Die Bilderwelt unserer Konsumgesellschaft prägt unsere Wahrnehmung und entwickelt einen irrealen Standard für unser Aussehen. Die abgebildeten Frauen sehen nur in einem ganz bestimmten Licht und in einer speziellen Aufmachung und nur in diesem Moment so gut aus, wie sie uns scheinen. Aber die Bilder erwecken den trügerischen Eindruck von natürlicher Makellosigkeit. Dabei ist alles bis ins Kleinste inszeniert.

Eine echte, „normale“ Frau kann sich leicht ausgestoßen, benachteiligt und ungerecht behandelt fühlen, sie spürt instinktiv: Diese Bilder entsprechen nicht der Wahrheit. So zum Beispiel, wenn eine Schauspielerin, die mit ihren Filmen das Leben dieser Frau schon seit Jahren begleitet, mit der sie sozusagen auf die Entfernung zeitgleich gealtert ist, plötzlich ganz glatt aussieht. Die Schauspielerin behauptet dann noch ganz ungeniert und im Brustton der Überzeugung: „Ich bin nicht geliftet“. Da muss jede Frau ja misstrauisch werden. In den Zeitschriften sind Fotos der oberen Zehntausend abgebildet. Jede zweite Frau davon ist geliftet, das ist eine Tatsache, doch selbst ihrer besten Freundin erzählen viele dieser Frauen: „Ich war im Urlaub“.
Auch in der Presse werden regelmäßig Mutmaßungen angestellt, wie sich die Prominenz ihr Aussehen bewahrt, doch der Journalismus scheint sich häufig nicht so sehr der Wahrheit als vielmehr der Wirtschaft verpflichtet zu fühlen. In den Zeitschriften wird immer wieder das Gefühl geschürt, man müsse sich liften lassen, um im Alter schön zu sein; man brauche Silikon-Brüste, um sexy zu sein; man könne zu dieser Welt eigentlich nur gehören, wenn man operativ entmäkelt bzw. entmenschlicht ist. Denn wer auf den Partybildern sieht noch menschlich aus? Mittlerweile ist es doch so weit, dass kaum noch jemand zu unterscheiden vermag, was echt ist und was nicht.

Bei aller Legitimität chirurgischer Eingriffe und der Freiheit eines jeden, sich dafür zu entscheiden (z.B. Cher sagt, sie habe das Recht, sich die Brüste auf den Rücken versetzen zu lassen, wenn sie wolle), so gilt doch auch das Recht, sich nicht liften zu lassen.
Es besteht nämlich gerade bei der chirurgischen Verjüngung ein kleines, aber nicht zu unterschätzendes Problem. Viele Frauen haben geraucht und getrunken, Trauer, Betrug und Niederlagen erlebt, und vielleicht wussten sie auch nicht, wie man sich gegen allzu schwere Spuren von solchen Erlebnissen wehrt. Sie lassen sich liften, und nach ein paar Wochen der Schwellungen und Rötungen ist ihre Haut plötzlich so glatt wie früher – alle schrecklichen Erfahrungen und deren Spuren sind wie weggewischt. Für eine Weile sehen diese Frauen „immer gleich gut“ aus. Daran kann übrigens der Laie erkennen, ob jemand geliftet ist: es gibt keine schlechten Tage mehr.

Ich persönlich versuche immer noch, diesem Lifting auszuweichen, weil ich glaube, dass die anzustrebende Frische und Jugend immer eine Sache des ganzen Körpers ist und nicht nur einiger Details.

(…)

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