Auszug aus Christine Kaufmann Liebesgefecht – Erotische Geschichten

Marokko´s Schönheit

Marokko´s Schönheit

Was bisher geschah:
Die schüchterne, zielstrebige Marie arbeitet als Journalistin einer Zeitschrift in der Kategorie „exotische Küchen“, dieser Job zwingt sie trotz ihrer Angst vor großen Reisen immer wieder in die verschiedensten Länder zu reisen.
Diesmal verschlug es sie in die marokkanische Stadt Fez, in ein Hotel wie aus Tausendundeiner Nacht. (…)

(…)Während sie die breite Treppe nach unten lief, registrierte sie, dass dieses prachtvolle Gebäude mit den Mosaikkacheln an den Wänden in all seiner Schönheit doch etwas von einem Hotel aus einem Horrorfilm hatte. An noch etwas erinnert es sie: an eine Blaubart-Illustration von Edmund Dulac in den dämmrigen Farben des Jugendstils. Das Bild aus ihrer Erinnerung zeigte eine junge schlanke Frau, die sich an einem riesigen dunkelblauen Seidenvorhang festhält. Vor ihr glitzerte eine rote Lache von dem Blut ihrer Vorgängerin. An ihrem Gesicht ist zu erkennen, dass sie ihre Neugierde bereut.
„Curiosity kills the cat“, lief es Marie durch den Kopf. Doch schon kurz darauf kam sie mit geordneten Empfindungen am Empfang an und begrüßte den Guide, der ihr vom Hotel vorgestellt wurde.
Er würde sie durch die Stadt führen und sie vor lästigen Händlern schützen. Wenige Schritte vom Hotel entfernt begann die Medina, ein Labyrinth von kleinen Läden und Werkstätten. Marie war nicht auf die Intensität der Eindrücke vorbereitet. Sie fühlte sich in die Seite eines Märchenbuches versetzt, nur die starken Gerüche erhielten das Gespür für die Wirklichkeit. Der elegante junge Mann vor ihr führte sie zügig die schmalen Wege entlang. Sie betraten einen Innenhof, der meterhoch mit Schafwollballen gefüllt war. Ein alter Mann zog aus einem der Ballen lange seidige Fäden heraus und ließ sie die Tierhaare auf ihren Fingerspitzen erproben. Sie rochen stark nach Lanolin und hinterließen einen Fettfilm auf ihren Fingerkuppen. Dann brachte der Guide sie in eine kleine dunkle Spinnerei, in der ein riesiges dunkelblaues Seidengewebe mit Goldfäden durchzogen wurde.
Auf der Straße waren keine Europäer zu sehen, auch keine Autos, nicht einmal Fahrräder. Schneeweiße Esel transportierten aufgetürmte Waren.
Ihr Begleiter kaufte ein großes Büschel Pfefferminze und drückte es ihr in die Hand. Er nahm ihre Hand, führte die Minze an die Nase und erklärte lächelnd, sie würde dies beim Besuch im Färberviertel brauchen. Er hatte Recht, der Gestank intensivierte sich innerhalb von Sekunden. Man betrat die Färberei durch eine kleine Tür. Marie hatte schon Bilder des seltsamen Gebäudes mit den bunten Bottichen gesehen, in die halbnackte Männer Leder tauchten. Hier war zusehen, was Menschen von Menschen verlangten. Der Gestank war so ätzend, dass sie sich mit ihrem puderblauen Anzug, dem schicken Mantel und dem Fotoapparat gemein vorkam. Die Treppen, die sie nun so schnell wie möglich wieder hinunterlaufen wollte, waren glitschig und rochen nach Zahnstümpfen, alt, faul und krank. Als sie endlich aus dem Gebäude kam, war sie so blassblau wie ihr Anzug. Sie versuchte zu ergründen, ob ihr Begleiter sie aus sadistischem Vergnügen oder ahnungslosem Professionalismus in diese Hölle geführt hatte. Es war ihm nicht anzusehen. Nun brachte er sie, wie zum Trost oder Ausgleich, in ein Geschäft voll von edlen Gerüchen, schwer und berauschend. Die extremen Eindrücke überreizten sie. Der Raum war dunkel, sie nahm ihre Brille ab. Der Guide lächelte Sie an, und sie senkte die Augen. Ermunternd drückte er ihr einen grünen Stift in die Hand und sagte, sie solle ihn auftragen. Sogleich leuchteten ihre Lippen zyklamrosa . Obwohl sie sich jetzt hübsch und ungeschützt fühlte, freute sie sich als er ihr ein Kompliment machte. Ganz Gentleman schenkte er ihr den seltsamen Stift.
Wieder auf der Straße, sah sie einen Verkäufer mit einer ungewöhnlichen Ware. In einer Schale voll Asche befanden sich der Länge nach halbierte weiche Eier. Das Eigelb lag unversehrt wie eine Goldkugel im appetitlichen Weiß. Der Verkäufer halbierte wie ein Zauberkünstler zwei weitere Eier, bestreute sie mit Salz und einem grünlichen Gewürz. Während sie mit genussvoller Gier aß, wunderte sie sich, wie kunstvoll er die Eier geteilt hatte, ohne das Eigelb zu verletzen. Der Guide übersetzte ihre Frage, aber sie bekam nur ein lächelndes Achselzucken als Antwort.

(…)

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