Zen und Sexualität

(…) Es ist ein Thema, das allerlei auslöst. Das blanke Grausen, Empörung (vor allem, wenn es eine Mutter, Tante oder Großmutter ist), Verachtung und Neid. Ganz selten freut sich jemand oder wagt sich, dasselbe zu wünschen. Für sich oder für andere.

Es geht um die Vorstellung, dass eine ältere Frau verliebt ist, Sex hat und womöglich das erlebt, was auf Französisch poetisch und unübersetzbar als „Petite Mort“ beschrieben wird. „Der kleine Tod“ klingt schwerer, und da die Sexualität auch im Angelsächsischen ohnehin weniger fiebrige Beschreibungen zur Verfügung hat, muss man sich mit „Höhepunkt“ abgeben, was aber die Möglichkeit der Ekstase gerade zu ausschließt. Wie dem auch sei, wenn der Gedanke „la petite mort“ und ältere Frau erscheint, so folgt bestimmt gleich. „Na, es steht doch der große Tod vor der Tür!“.

Wozu also das Thema Erotik, Liebe etc.? Ich kann es knapp halten: Weil es den Menschen gut tut zu lieben, vor allem, wen man beim letzten Drittel der Sanduhr angekommen ist!
Ein Bekannter von mir machte einen Dokumentarfilm über Sex und Liebe im Altersheim. Ein Paar, dass sich dort kennengelernt hatte, war auffällig aus verschiedenen Gründen: Zum einen waren sie sozusagen frisch verleibt, aber es war eine weise Verliebtheit, mit dem absoluten Wissen über das Geschenk, welches das Leben ihnen kredenzt hatte. Zum anderen war die Frau (über siebzig) mädchenhaft schön mit grauen Haaren. Sie sagte auch, dass sie die intensive Begegnung mit ihm brauchte. Es war kein bisschen würdelos.

Eine zweite Beobachtung vor Jahren ist mir haften geblieben. Ich war selber jung und mit einem Freund in einem Bus in Südfrankreich unterwegs. Zum Schwimmen waren wir an eine kleine Bucht gefahren. Außer uns war nur ein Paar da, sie waren so an die siebzig. Bevor wir ans Wasser runtergingen, beobachtete ich sie. Sie stand vor ihm und sah aufs Meer. Sie trug nur ein Badehöschen, hatte das wilde graue Haar zusammengebunden und er grillte irgendetwas. Sie sprachen ein paar Worte und er gab ihr einen liebevollen Klaps auf den Po, und ich dachte mir: „Sie haben aber Glück gehabt.“

Die Idee von der Liebe und Sexualität der älteren Frau ist im Laufe der Jahre in die Ecke gedrängt worden. Vor allem durch die Bilderwelt, die unsere Wirklichkeit überdeckt und diese tatsächlich immer mehr verschwinden lässt. Es handelt sich jedoch um alte Schachteln, die an nichts anderes denken als möglichst faltenfrei zu sein und sich von Abführmitteln zu ernähren.

Die Krönung der Verunglimpfung sind die Pornoeinlagen, die jeder, der einen Fernseher hat und nachts zappt, zu sehen bekommt. Da reiben sich alte Frauen die Brüste und es wird damit geworben, dass die Alten eben alles mitmachen. Das ist eine direkte Verbindung zur Hexenverfolgung, wo es das Wissen der Frau war, das sie suspekt und gefährlich machte. Jetzt ist es so, dass viele Frauen alleine durch diese Darstellungen der Sexualität keine Lust mehr haben, sich einer Begegnung preiszugeben. Dass diese Verunglimpfung im normalen Fernsehen erlaubt ist und die Kontaktanzeigen in Zeitschriften möglich sind, ist nur ein Indiz, dass unsere Welt vollkommen pornografisiert ist und damit entsinnlicht. (…)

Auszug aus Christine Kaufmann Lebenslust – Verführung zur Lebenslust

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2 Antworten auf Zen und Sexualität

  1. Renate Zocholl sagt:

    Liebe Christine Kaufmann,
    bleiben Sie so wie Sie sind – und das noch möglichst viele Jahre!
    Sie verkörpern ein Frauenbild, dass man in den Medien selten findet. Daher ist es um so wichtiger, dass Sie in den Medien weiter präsent sind.
    Schöne Grüße
    P. S. Ihre Website ist wunderbar professionell gestaltet!

  2. Als ich Anfang 20 war hatte ich einmal eine Freundin, welche 40 war. Das kam mir schon uralt vor und ich versteckte side vor meinen Kollegen so gut es ging. Eigentlch hatten wir nur Sex zusammen. Dabe3i hatte ich aber noch eine weitere Freundin meines damaligen Alters. Immer wieder kam ich zu älteren Frauen und es stimmte schon, dass sie umgänglicher und unbeschwerter liebten als die jüngeren. Heute ist das bei mir ganz anders, ich könnte nicht mit sehr jungen Frauen. Dafür würde mich eine Frau zwischen 55 und 75 sehr reizen, vor allem wenn sie gebildet ist und Lebenserfahrung besitzt. Das ganze Porno – Ware Mensch-Frau ist ein Armutszeichen für unsere Kultur. Man scürt damit wirklich Ängste bei den älteren Damen, so quasi als Hure seinen Lebensabend zu verbringen. Dabei ist man ja täglich jung, wenn man weiß dass die Vergangenheit sowieso tot ist. Man lebt solange man liebt, und der menschliche Körper kann das Liebenswerteste sein das man lieben kann… Dafür gibt es keinen Ersatz.

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