Dracy

Auszug aus Christine Kaufmann und ich - mein Doppelleben(…) “In dem großen aus Stein bebauten Haus erlebte ich Stille wie noch nie zuvor. Das lag zum großen Teil an dem lädierten Stromnetz, das wie das Haus selbst aus dem Jahr 1918 stammte. Im Laufe der Zeit waren die Kabel im Gegensatz zum Haus selbst instabil geworden. Da ich durch den Zeitunterschied zu Amerika unter dem bekannten Jetlag litt, war ich fast die ganze Nacht wach und schlief erst gegen vier Uhr ein. Die Nächte in der idyllischen Landschaft um mein Haus waren ein Eintauchen in eine andere Zeit, bevor man die Nacht mir Strom und Fernsehen vertreiben konnte.
Länder haben nicht nur ihre eigentümlichen Landschaften, Pflanzen, Gerüche und Geräusche, sie haben auch eine eigene Art der Stille. Die Nächte in dem kleinen Ort Dracy waren so samtig ruhig, dass ich im unteren Stockwerk unsere Hausmaus am Brot knabbern hörte.

Im oberen Stockwerk gab es auf der einen Seite einen großen unausgebauten Raum, der sich als Atelier eignete. Auf der anderen Seite waren die Schlafzimmer, zwei davon mit Kamin, ein paar Pseudo-Louis-quinze-Stühle und provençalisches Mobiliar. Das kleinste Zimmer bezog ich, es war wie ein Mantel, so kuschelig proportioniert. Der Raum war in Gauloise-Blau tapeziert, ein heller Spannteppich, auf dem man lautlos gehen konnte, lag auf dem Boden. Ein Einbauschrank, hinter dessen Tür fast so viel Platz war wie im Zimmer selbst, verdoppelte unsichtbar der Raum. Mit wenigen Gegenständen richtete ich das Zimmer so ein wie alle Schlafräume meines Lebens. Ein dicker Futon auf dem Boden, darüber ein Moskitonetz, nicht aus synthetischem Material, sondern aus weicher Baumwolle. Auf dem Boden eine kleine Lampe, die ich in der Werkstatt gefunden hatte, daneben eine Glasvase mit Heckenrosen gefüllt, die ich direkt aus meinem Schlafzimmerfenster pflücken konnte. Denn das Haus war auf dieser Seite über und über mit Kletterrosen bewachsen.

Das große Fenster in meinem Raum hatte einen soliden Rahmen und so verbrachte ich viele Nächte im Fensterrahmen sitzend mit der Betrachtung des nächtlichen Panoramas. Meine langen Batisthemden fanden hier das ebenbürtige Milieu. Im hellen Mondschein, in dieser Stille und mit den alten von Rosen überwachsenen Mauern schien es mir, als ob ich in die Seiten eines Märchenbuches gerutscht sei. Fern von Städten funkeln die Sterne besonders klar im dunkelblauen Himmel. Die dunkelgrüne Landschaft, das Flirren der Blätter des großen Lindenbaumes, alles war sehr beruhigend und besänftigend. Umso mehr erschreckte mich das weiße Gespenst, das ganz nah an meinem Gesicht vorbeiflog. Hell und lautlos. Es war die weiße Eule, die im Stall nebenan wohnte, meine Nachbarin sozusagen.

Es gab so viel in diesem Haus, das sein Flair ausmachte, dass mir der Umbau, die Modernisierung ein gewisses Unbehagen verursachte. Aber elementare Dinge, wie funktionierende Leitungen und ein richtiges Bad, waren dringend notwendig.
Wie ein Zauberer Kaninchen aus dem Hut holt, präsentierte meine Mutter zwei Arbeiter für die Umbauten. Einen Elektriker, der sehr dünn war, immer hing ihm eine Zigarette im Mundwinkel. Diese behielt er im Mund, bis man zusehen konnte wie die langgewordene Asche abbrach, zu Boden fiel und sich dort verteilte. Er trug jeden Tag den gleichen Anzug und war ständig in eine Alkoholfahne gehüllt. Er schaffte es, seine Arbeit so zu verrichten, dass exakt fünf Minuten nachdem sein Auto hinter den Hügeln verschwand, das Stromnetz im ganzen Haus zusammenbrach.

Der zweite Arbeiter, ein Jean-Gabin-Typ, verlegte Rohre (was sonst). Er sollte den großen Raum neben der Küche, in dem hinter einer kleinen Pappwand eine wacklige Toilette stand, in ein schönes Badezimmer verwandeln. Nachdem wir eine schöne antike Wanne installiert hatten, entstand eine große Nasszelle. Ich glaubte, es wäre nur eine Frage der Zeit, bis mich eine ungünstige Fügung zwischen undichten Kabeln und Wasserrohren zu einem leuchtenden Ende bringen würde. Jedes An- und Ausschalten des Lichts bedeutete einen eventuellen Tusch, eine finale elektrische Erfrischung, ein mögliches Ende.“ (…)

Auszug aus Christine Kaufmann – Mein Doppelleben

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