Liebeserklärung an die Vielfalt
(…) Francesco Scavullo, ein berühmter New Yorker Modefotograf, brachte in den siebziger Jahren ein großes Porträtbuch heraus, in dem er etwa ein Dutzend Frauen – „berühmte“ oder zu „schicken Kreisen“ gehörende – zeigte und die Fotos mit den Ansichten dieser Frauen über das Thema „Schönheit“ kombinierte.
Der Großteil von ihnen, und dieses Muster ließe sich bei „normalen“, nicht prominenten Frauen aufzeichnen, beschrieb als „schön“ Geschlechtsgenossinnen, denen sie auffallend ähnelten. Ein leicht zu durchschauender Versuch, die „gefährlichen Klippen“ des Narzissmus zu umschiffen.
Warum haben die nicht einfach gesagt: „Ich bin die Schönste im ganzen Land“- und damit basta? Es wäre wenigstens ehrlich gewesen. Solange man nicht imstande ist, etwas anderes als das schön zu finden, was einem in etwa entspricht, solange ist man noch keineswegs erwachsen und geht realistisch selbstbewusst mit sich um.
Die heimliche Verteidigung der eigenen Schönheit – letztlich nichts anderes als verdeckte Eitelkeit – ist das unmittelbare Ergebnis unseres kulturell bedingten Schicklichkeitsempfindens, das die Herausbildung eines gesunden Selbstwertgefühls behindert. In Ländern, in denen dieses Schicksalsempfinden anders gestaltet ist als in unseren Breiten, verhalten sich Frauen selbst und ihren Geschlechtsgenossinnen gegenüber ganz anders. Dies gilt natürlich auch für Männer.
In den Sprichwörtern, im Volksmund, offenbart sich die Nationalseele.
Auch was Attraktivität angeht und das Spektrum dessen, was alles als attraktiv empfunden wird: Der Spielraum der Vielfalt.
In dem französischen Begriff „la belle laide“ zum Beispiel tut sich eine ganze Welt von Freiheit auf. Die „schön Hässliche“: im Märchensinne ist die nicht „hübsch“. Na und? Sie „hat etwas“, und dadurch wird sie schön.
Dieser Begriff ist nicht auf die „Schöne“ ohne Fehl und Tadel gemünzt, sondern auf die mit der erotischen Ausstrahlung – gleichgültig, wie ihre Nase geformt, ihr Mund geschwungen sein mag. In diesem Begriff spiegelt sich die Liebe zur Vielfalt wider, die tief in der französischen Seele verwurzelt ist.
Kennen Sie einen vergleichbaren Ausdruck im Deutschen? Oder im Englischen?
Das Bekenntnis, das ein ganzer Kulturkreis zur Vielfalt, zur Mannigfaltigkeit ablegt, hinterlässt natürlich seine Spuren im Individuum, stärkt sein Selbstvertrauen. Vielleicht fällt es der Französin deshalb so viel leichter als der Deutschen beispielsweise, einer anderen Frau ernstgemeinte Komplimente zu machen?
Das Wissen darum, dass Attraktivität in ihrer ganz eigenen, unverwechselbaren Art wahrgenommen und erkannt wird, lässt die Beschäftigung mit dem Spiegel an der Wand („Wer ist die Schönste im ganzen Land?“) nebensächlicher werden, rückt die andere Frau ein Stückchen weiter weg, sodass sie ihre Bedrohlichkeit verliert. Und damit objektiv betrachtet – und als schön empfunden werden kann. (…)











